Als der Klo noch über der Jauchegrube in Lützellinden stand


align="left"alt=""> „In den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten viele Haushalte in Lützellinden noch einen Kohleofen im Wohnzimmer. Daneben stand ein Ofenschirm und ein Kohlenfüller. Heute befinden sich im Wohnzimmer Geräte, von denen man sich nur vorübergehend den Namen merken muss, weil es morgen wieder was anderes gibt.“ Mit diesen Worten hat Irmgard Zörb bei einem Vortrag in der Reihe „Viertel-vor-Acht-Abend“ im Haus der Gemeinschaft die Veränderungen geschildert, die der südlichste und zugleich ländlichste Gießener Stadtteil in den vergangenen Jahrzehnten durchlebt hat. Unter dem Thema „Wäjs froier woar" (Wie es früher war) hat Irmgard Zörb seit 2001 nun zum vierten Mal die Geschichte des Ortes beleuchtet. Als Geräte in heutigen Wohnstuben nannte sie Receiver, MP3-Player und DVD-Spieler. In einem rund eineinhalbstündigen Programm führte Frau Zörb, die Mitglied im Heimatverein und in der Evangelischen Gemeinschaft Lütztellinden ist, durch die Historie des rund 2.500 Einwohner zählenden Stadtteils. Dabei brachte sie viele persönliche Erlebnisse mit ein, die zum Schmunzeln und eigenem Erinnern anregten. Hans-Georg Will hatte für die gastgebende Gemeinschaft die rund 100 Besucher begrüßt.

Kaum vorstellbar für die junge Generation waren Schilderungen, dass es in den 50 Jahren noch keine Wasserleitungen gab und das Abwasser in offenen Gräben durch den Ort geführt wurde. Doch Irmgard Zörb ging in der Geschichte noch weiter zurück. Mit einem Gedicht ließ sie die Anfänge des Dorfes lebendig werden: „Als die Cimbern und Teutonen noch das Hessenland bewohnen, als die Franken und die Chatten hierzuland das Sagen hatten, als auf den Burgen Ritter hausten und der Bürger Güter mausten, da war in der Kleebach-Au schon ein kleines Dorf im Bau“. Die Chronik des Ortes besage, dass es chon seit 1.200 Jahren Besiedlung in Lützellinden gibt. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe das Dorf zum Regierungsbezirk Wiesbaden, später zu Darmstadt gehört und sei nun Stadtteil von Gießen. Kirchlich allerdings ist Lützellinden noch auf rheinischem Gebiet. Von 1948 bis 1956 hatten Autos und Motorräder die Kennzeichen „AH (Amerikanischer Sektor Hessen) oder H (für Hessen), späer kam das Kennzeichen WZ für Wetzlar und heute GI. Auch bei den Postleitzahlen habe Lützellinden manchen Wechsel erlebt. Zunächst gehörte der Ort zum Bereich 16 (Großraum Frankfurt), später erhielt er 6331 und die Post wurde über Wetzlar zugestellt. Seit 1993 ist sie fünfstellig.

Ebenfalls unglaublich: In den 50er-Jahren gab es in Lützellinden noch keine Straßennahmen. Das Dorf war durchnumeriert von Nummer 1 (Haus Bechthold am Friedhof) bis Nr. 251. Erst 1964 wurden die Straßennamen eingeführt.

Noch viele Einzelheiten hatte die Referentin zu bieten, die sich auch mit der wenigen Industrie, dem Schwimmbad und dem Flugplatz beschäftigten. Nahezu jede Familie habe Landwirtschaft betrieben. Deshalb wurden die fränkische Bauweise mit einem Wohngebäude und mehrere Stall- und Nebengebäude und einem großen Hoftor gewählt. Täglich waren die Menschen mit dem Einholen von Futter für die Tiere beschäftigt. Gespanne wurden zunächst von Kühen, später auch von Pferden gezogen. Mit der Technisierung der Landwirtschaft seien viele Geräte zum Pflügen, Eggen Mähen und Wenden in Lützellinden eingezogen. Bis zu 140 Traktoren waren im Dorf im Einsatz.

1945 habe der Ort rund 1.200 Einwohner gezählt. Dazu kamen im Frühjahr 1946 etwa 600 Heimatvertriebene aus dem Sudetenland. Die Häuser hatten in dieser Zeit noch keine sanitären Anlagen. So gab es auf jedem Hof eine Jauchegrube. Darauf saß das Klohäuschen mit Herzausschnitt in der Tür und einem Kasten für das Zeitungspapier, mit dem sich der Benutzer das Hinterteil abwischte. Die Sitzfläche sei aus Holz mit einem runden Loch und einem passenden Deckel als Geruchsschutz gewesen. Um nachts nicht über den Hof laufen zu müssen, habe für Notfälle unter jedem Bett ein Töpfchen aus weiß-emailliertem Blech gestanden.

Früher habe jedes Haus zwei Gewölbekeller mit Erdfußboden für Futterrüben und Kartoffeln gehabt. Zudem sei ein Keller mit Betonboden eingerichtet worden, darin das Sauerkrautfass und das „Äbbelbett“, ein Regal für Äpfel und Birnen.

Die Einrichtung in Keller und Wohnung heute habe sich total verändert. Machinen für alles zum Rühren und Spülen, zum Eierkochen und Joghurt machen, zum Brotbacken, zum Brotschneiden, Kaffeemaschine, zum Erwärmen die Mikrowelle, Staubsauger und Wäschetrockner – und vieles mehr zählte die Lützellindenerin auf.

Bei aller Veränderung stellte sie fest: „Das einzig Beständige ist der Wandel. Wenn alles so wäre und bliebe wie immer, säßen wir noch in Höhlen. Das wollen wir nicht. Deshalb sind wir für das Neue dankbar und nehmen es gerne an, auch wenn wir uns an manches gewöhnen müssen“. Zum Abschluss erinnerte Irmgard Zörb an so manche Errungenschaft, die das Leben in Lützellinden lebenswert macht. „Es ist schön, dass wir morgens in ein warmes Badezimmer gehen können“. Es sei auch angenehm, sauberes Wasser, Kliniken und Krankenhäuser in der Nähe zu haben, eine Kirche, Kindergarten und Schule am Ort und weiterführende Schulen in der Nähe. Sie erinnerte an Vereine und Gruppen, die die Kinder betreuen und die verbliebenen Einkaufsmöglichkeiten am Ort. „Wir werden umfassend informiert und können uns frei bewegen und unseren Glauben leben, ohne bedroht oder verfolgt zu werden.“ Dankbar sei sie auch, dass Deutschland seit 65 Jahren Frieden habe und von schweren Naturkatastrophen verschont geblieben sei. Dabei wies sie mit einem Augenzwinkern darauf hin, dass die Menschen bei zehn Zentimeter Neuschnee bereits von Schneechaos sprechen und bei einem stärkeren Gewitter von einem Unwetter.

Ihr Resumee: „Wir haben viel erreicht, es geht den meisten von uns sehr gut. Sind wir dankbar dafür“.


26.01.2010