Ein Engel erzählt die Weihnachtsgeschichte


Rund 300 große und kleiner Gäste haben an Heiligabend eine Führung im Schloss Braunfels besucht. Seit nunmehr sieben Jahren bietet das Schloss Engelführungen durch das von außen anmutigende Märchenschloss. Höhepunkt des etwa einstündigen Programms war der Auftritt von Anke Hellmig (Albshausen) als Engel im weißen Kleid und mit Flügeln. Sie lud die Kinder und Erwachsenen in einem der Altenberger Räume ein, setzte sich auf eine alte Truhe, schlug ein Bilderbuch auf und erzählte damit die Weihnachtsgeschichte.

Peter Geißler aus Beselich-Schupbach war im vorigen Jahr im Internet auf die Schlossführungen mit Engel gestoßen. So ist die ganze Familie 2008 erstmals an Heiligabend nach Braunfels gefahren und hat die Führung mitgemacht. Eltern und Kinder waren so begeistert, dass sie sich auch in diesem Jahr dieses Ereignis nicht entgehen lassen wollten. Mit seiner Frau Michi Maldauer und den Töchtern Jana (6) und Zoe (5) stapfte Geißler in den rießigen Filzpantoffeln durch die geschichtlichen Räume. Die Kinder folgten mit funkelnden Augen den Bildern und Geschichten. Andrea Kumlehn erläuterte, dass sich die Schloßführer, zu denen sie auch zählt, vor einigen Jahren Gedanken gemacht haben, wie man zum einen auch an Heiligabend ein für alle Generationen attraktives Angebot machen könne. Die Kirchen seien an diesem Tag ja auch schließlich voll. Zum anderen sei die Überlegung eingeflossen, Kindern die biblische Geschichte rund um die Geburt Jesu dabei zugänglich zu machen. Rund 85 Prozent der Kinder wüssten ja nicht mehr, was der Grund des Festes ist. So entstand die Idee zu der Engelführung. Schon als 15-järhige Schülerin half Anke Hellmig bei den Schlossführungen mit. Schnell entstand die Idee, dass sich die Albshausenerin in einen Engel verwandelt und die Ursprungsgeschichte des Festes den Besuchern präsentiert. In diesem Jahr übernahm die Erzieherin zum fünften Mal diese Aufgabe. Ihre Mutter Cornelia hat sie von Anfang an dabei unterstützt, denn der Engel braucht ein schönes weißes Kleid und die Haare müssen besonders gut frisiert sein.

Bei Temperaturen um die 1 Grad plus fanden sich am Heiligabend gegen 13.30 Uhr etwa 40 Besucher ein, 16 Kinder und 24 Erwachsene. Lena Rink erläuterte an der ersten Station am fürstlich geschmückten Weihnachtsbaum im Schlosshof, dass die einstigen Ritter diesen Brauch nicht kannten. Den beleuchteten Tannenbaum als Symbol für das Christfest gebe es erst seit etwa 200 Jahren. Vorher sei man noch ohne Kerzen oder elektrischem Licht ausgekommen. Statt bunter Kugeln habe man früher Äpfel und Nüsse in die Zweige gehängt. Nach dieser Begrüßung marschierte die Gruppe in den Rittersaal, wo vor allem die Kinder angesichts der Rüstungen und Waffen staunten. Zunächst erhielt jeder Schlossbesucher ein Paar Filzpantoffeln an die Füße, um den Fußboden zu schonen. Hier erfuhren sie, dass die einstigen Ritter vor den Weihnachtfest eine große Putzaktion im Schloss durchführten. Statt fürstlich zu schlemmen wurde zwischen dem 25. November und 25. Dezember Fastenessen durchgeführt. Selbstverständlich gingen die Ritter zum Weihnachtsgottesdienst in der Schlosskirche, erfuhren die Besucher. Kurz darauf wurden die Filzpantoffeln ab- und ein neues Paar ein Stockwerk tiefer in den Gesellschaftsräumen angelegt. Dort begrüßte Anke Hellmig als Engel ihr Publikum. Als sie die biblische Geschichte erzählte, wurde sie immer wieder von Kindern unterbrochen, die sich aktiv ins Erzählen einbringen. „Gottes Sohn ist auf die Welt gekommen“, erläuterte der Engel, während die Kinder in den vorderen Reihen das Bilderbuch bestaunten. „Maria und Josef fanden kein Zimmer“, sagte Anke Hellmig. Schon sprudelte es aus einem kleinen Mund „Sie mussten in einen Stall“. Wenig später zeigte der Engel auf ein in dem Altenberger Raum hängendes Bild. Die Altenberger Räume beinhalten Inventar aus dem ehemaligen Kloster Altenberg bei Oberbiel, der meist aus dem 13. Jahrhundert stammt. Bei seiner Säkularisierung 1803 übernahmen die Fürsten von Solms die Einrichtung und sicherten sie in ihrem Schloss. Darunter ist auch ein fast drei Meter breites und zwei Meter hohes Gemälde, das die Weihnachtsgeschichte darstellt. „Den Platz vor dem Bild haben wir bewusst ausgesucht“, erzählte Anke Hellmig. So können die Geschichte des Weihnachtsfestes und die Historie des Schlosses miteinander verschmelzen. Die drei Weisen schenkten dem Kind in der Krippe Gold, Weihrauch und Myrrhe. „Sie schenkten von Herzen. Auch bei uns ist es wichtig, dass das Geschenk von Herzen kommt“, erläutert der Engel. „Wir feiern Weihnachten, weil damals ein Mensch geboren uwrde, der ganz viel Liebe gegeben hat. Deshalb schenken auch wir heute.“ Jedes Geschenk solle von Herzen kommen, meinte der Engel, überreichte den Kindern einen selbst gebastelten Stern mit Sternenstaub und verschwand.

Schlossführerin Andrea Kumlehn hatte die Gesellschaftsräume reich dekoriert mit Kleidern und Spielsachen aus früheren Jahrhunderten und Jahrzehnten. Von ihr erfuhren die Besucher, dass die Eltern oftmals Einrichtungsstände kauften, die den Kindern in Miniatur überreicht wurden. Das reichte vom Sofa bis hin zur Blumenvase. Frau Kumlehn hat über Jahre viele historische Gegenstände zusammengetragen, die bei der Führung fast unbemerkt in den Räumen platziert zu finden waren. So saß ein Clown auf dem Fürstenthron, an einem Tisch schienen zwei Stoffteddys gerade vertieft in ein Schachspiel. Die Besucher erfuhren, dass zu früheren Zeiten viele Geschenke wie Puppen und andere Spielsachen selbst gefertigt wurde. Dabei ermunterte sie doch diesen alten Brauch wieder aufzugreifen und Dinge zu verschenken, die man selbst gebastelt, gesägt, gemalt oder gestickt hat.

Zum Abschluss führte Karl-Heinz Patsch die Gruppe noch hinaus auf den Kanonenplatz des Schlosses.

Rene Urban und seine Frau waren von Frankurt nach Braunfels gekommen. Ihren Heiligabend-Besuch der den Eltern von Regina Mai-Urban hatte die Familie mit dem dreijährigen Linus genutzt, um zuvor die Engelführung zu genießen. Linus fand die Führung einfach toll. Die Ritterrüstungen hatten ihn ebenso begeistert wie der Auftritt des Engels. Als ein Resümee nahm Regina Mai-Urban mit, dass das Weihnachtsfest in früheren Zeiten noch nicht so kommerzialisiert war wie heute.
Internet http://www.braunfels.com/

25.12.2009