Joachim Nieth ist Prominentenjäger der besonderen Art


Das Briefmarkensammeln war ihm zu langweilig. Seit nunmehr 20 Jahren hat sich der Herborner Joachim Nieth auf das Sammeln von Autogrammkarten und Fotos mit Prominenten spezialisiert. Seinem Hobby opfert der 48-Jährige viel Zeit und auch Geld. Angefangen hat seine Leidenschaft 1981 als er dem Schowmaster Wim Thoelke in einem Möbelhaus begegnete. Der Prominente Gast in Herborn gab dem gehörlosen Nieth ein Bild in Postkartengröße, versehen mit seiner Unterschrift. Fortan hat Nieth vielen Prominenten aus Film und Fernsehen, Sport und Musik, Wirtschaft und Politik geschrieben und um eine Autogrammkarte gebeten. Diese klebt Nieth fein säuberlich auf einen Karton und heftet ihn in einem A4-Ordner ab. Diese Ordner füllen bereits einen ganzen Schrank. Darin befinden sich wahre Schätze wie etwa eine Karte mit Unterschrift des längst verstorbenen Schauspielers Heinz Rühmann oder Caterina Valente, vom ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß und seinem nordrhein-westfälischem Kollegen Johannes Rau. Über 5.000 Autogrammkarten hat der Postbote bereits an Joachim Nieth zugestellt. „Wenn ein Promi ein Foto mit aufgedruckter Unterschrift schickt, wandert diese gleich in den Papierkorb“, räumt Nieth ein. Nur echte Signaturen finden den Weg in seine Sammlung.

Nieth, der als Vermessungstechniker beim Amt für Bodenmanagement (ehem. Katasteramt) in Wetzlar tätig ist, fotografiert zudem für sein Leben gern. Bald hat er auch die Prominenten als Objekte für seine Bilder entdeckt. Heute sammelt er auch Bilder, die ihn mit Prominenten zeigen. Ein Foto mit Papst Johannes Paul II, dem polnischen Karol Wojtyla, ziert ebenso seine Alben wie Bilder mit den drei deutschen Bundeskanzlern Gerhard Schröder, Helmut Kohl und Angela Merkel.

Ob Schauspielerin Veronika Ferres, Rudolph Mooshammer, Tennis-Legende Boris Becker oder Sänger Tony Marschall. Alle finden Platz in seinen Fotoalben, die bereits eine Länge von mehr als einem Meter einnehmen.



Sein erstes Bild entstand im Juni 1990 beim Kanzlerfest in Bonn. Es zeigt den Herborner mit dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Regelmäßig reist er nach Mainz zum Fernsehgarten des ZDF, wo es reichlich Prominente zu sehen und zu fotografieren gibt. Auch die Verleihung des Fernsehpreises in Berlin oder Köln sind feste Termine in seinem Jahreskalender. Bis zu drei Stunden Wartezeit nimmt Nieth in Kauf, um anschließend einen Prominenten um ein gemeinsames Foto zu bitten. Dass er gehörlos ist und dieses artikuliert, rührt so etlichen Star, sich mit ihm ablichten zu lassen. Dafür nimmt er meist einen Freund mit. Oft begleitet ihn dabei der ebenfalls gehörlose Mark-Henner Schmidt aus Oberquembach, um auf den Auslöser zu drücken.

Der in Dillenburg geborene Joachim Nieth ist von Geburt an gehörlos. Er besuchte Hörgeschädigten-Schulen in Bad Camberg und Friedberg. Von 1978 bis 1981 absolvierte er eine Ausbildung als Vermessungstechniker in Dillenburg und arbeitet seitdem in Wetzlar. In seiner Freizeit engagiert er sich im Ortsbund Wetzlar der Gehörlosen. Dort gehört er als zweiter Vorsitzender seit 16 Jahren dem Vorstand an und besucht auch die evangelische Gehörlosengemeinde in Wetzlar.

Schon als Kind habe ihn das Fernsehen und die Fernsehtechnik unglaublich fasziniert. Und das sei bis zum heutigen Tag so geblieben, erzählt Joachim Nieth. Als Hörender wäre er möglicherweise Kameramann geworden oder gar Schauspieler. Zu den Schauspielern und anderen Prominenten zieht es ihn immer wieder hin. Zuletzt ist er am 19. Juli im Fernsehgarten in Mainz gewesen. Dort entstanden Bilder mit den Sängerinnen Nicki und Loona, mit Christian Anders und vielen weiteren Stars und Sternchen. Den ersten Fernsehgarten hat Nieth noch mit Moderatorin Ramona Leis besucht. Dass ihn dieses Hobby Zeit und Geld kostet, findet Nieth normal. Andere würden ihr Erspartes für CDs ausgeben, was für ihn als Gehörloser keinen Sinn mache. Außerdem schickt er die Bilder an Zeitungen und Zeitschriften und erhält bei Abdruck ein Honorar. Damit könne er viele Kosten wieder ausgleichen.

Zu den schönen Erlebnissen zählt er die Autogrammjagd am Reichstag in Berlin. Dort hatte er sich an einem Seiteneingang postiert und als die Kanzlerin das Gebäude verließ, sprach er sie direkt an. Prompt war die Politikerin bereit sich mit dem Herborner ablichten zu lassen.

Besonders gern erinnert sich Joachim Nieth an die Lindenstraße. „Ich las in einer Zeitschrift, dass man ein Treffen mit „Mutter Beimer“ Marie-Luise Marjan gewinnen kann. Ich schrieb eine Bewerbung, machte auf meine Gehörlosigkeit aufmerksam und erklärte, dass ich keine Folge verpasse, weil die Serie ja Untertitel hat, und dass sie sich keine Sor-gen wegen der Kommunikation zu machen braucht, da ich vom Mund ablesen kann. Ja, und dann bekam ich die Antwort und war sprachlos: Ich hatte gewonnen!“. Insgesamt zehn Mal ist Nieth der „Mutter Beimer“ inzwischen begegnet und sie kann sich noch lebhaft an ihn erinnern. Bereits drei Mal durfte Nieth sogar in kleinen Rollen in der Lindenstraße mitspielen. Ferner wurde Joachim Nieth in einer Gehörlosen-Sendung des Bayerischen Fernsehens mit dem Titel „Sehen statt Hören“ über sein ungewöhnlichen Hobby interviewt.






20.07.2009