Gehörlose drehen Film über Freiherr Hugo von Schütz zu Holzhausen


Der Oberquembacher Erzieher Marc-Henner Schmidt spielt die Hauptrolle in einem dokumentarischen Spielfilm über den Gründer einer Gehörlosenschule in Bad Camberg. Der 34-Jährige ist seit dem ersten Lebensjahr selbst gehörlos. Dies hatte ihn für die Hauptrolle des Freiherrn Hugo von Schütz zu Holzhausen prädestiniert.

Wie seine Mutter Hannelore Schmidt berichtet, ist die Gehörlosigkeit die Folge einer Mumpserkrankung im Kleinkindalter. Marc-Henner hat ab dem zweiten Lebensjahr den Kindergarten und die Vorschule auf der Freiherr-von-Schütz-Schule in Bad Camberg besucht und auch die Schulzeit dort verbracht. Anschließend absolvierte er eine Lehre als Orthopädietechniker und hat in diesem Beruf ein Jahr gearbeitet. Danach begann er eine zweite Ausbildung als Erzieher an der Gehörlosenfachschule Rendsburg. 2001 kehrte er an die Freiherr-von-Schütz-Schule zurück. Dort begleitet er heute die gehörlosen und hörgeschädigten Schüler in ihrer Freizeit, beitet Arbeitsgruppen und Hausaufgabenbetreuung, Begleitung zum Arzt und zu Ausflügen und Freizeiten.

Das 1820 gegründete Institut ist die älteste Schule für Gehörlose und Schwerhörige in Hessen mit heute rund 230 Schülern. Deutschlandweit ist sie die einzige, die von einem Gehörlosen gegründet wurde, nämlich von Freiherr Hugo von Schütz zu Holzhausen (1780-1848). Im Alter von sechs Monaten verlor der Freiherr sein Gehör und war ab dem 8. Lebensjahr im Taubstummen-Institut Wien unterrichtet worden. 1797 kehrte er nach Camberg zurück und unterrichtete dort seine drei taubstummen Brüder in einem Raum des „Amthofes“. Fünf der 22 Kinder der Amtsmann-Familie waren nämlich gehörlos. 1810 kamen weitere Gehörlose aus der Umgebung hinzu und so entwickelte sich ein privates Taubstummen-Institut. Immer mehr Eltern baten um die Aufnahme ihrer hörgeschädigten Kinder in dieses Institut, da sich das erfolgreiche Wirken des Hugo von Schütz schnell herumsprach. 1818 unterrichtets er 16 gehörlose Kinder. Hierdurch wurde die Regierung angeregt, die Privatschule als Staatsschule zu übernehmen und auszubauen.

Am 15. Juni 1820 wurde das "Herzoglich Nassauische Taubstummeninstitut" feierlich eröffnet und Schütz wurde der erste Direktor. Die Gründung dieser besonderen Bildungsstätte und ihre staatliche Förderung vollzog sich zu einer Zeit, da weitaus größere Staaten noch nicht daran dachten, sich dem Problem der Bildung und Erziehung Hörgeschädigter zu widmen. Die Schüler wurden in der Schriftsprache und in der Gebärdensprache unterrichtet.

Als vor fünf Jahren durch die Lehrerin Anja Gilles die Idee aufkam, das Leben des Schulgründers zu verfilmen stand schnell fest, dass Marc-Henner Schmidt die Hauptrolle erhalten sollte. Er ist nämlich der einzige männliche gehörlose Mitarbeiter der Schule. Schmidt, der Mitglied im Ortsbund der Gehörlosen in Herborn und beim Skat- und Rommeeclub der Gehörlosen in Rechtenbach ist, erinnert sich noch gerne an die Dreharbeiten, die ihm viel Freude bereitet haben. Es war nicht sein erster Aufritt vor der Kamera. Auch in der Lindenstraße und bei einem Tatort hatte er bereits kleine Rollen.

Der Spielfilm ist nun fertig gestellt und trägt den Titel „Fraternitas Signorum - Bruderschaft der Zeichen“. Der Filmtitel geht auf die Besonderheit der Gehörlosenschule zur Gründungszeit ein, als Freiherr von Schütz die Gebärden- oder Zeichensprache für den Unterricht einführte. „Der Film hat eine Botschaft“, so Anja Gilles, „Gebärdensprache ist wichtig, eine schöne Sprache, eine schöne Kultur“. Am kommenden Samstag, 27. Juni, um 20.15 Uhr wird der Film im Kurhaus in Bad Camburg uraufgeführt. Unter den Schauspielern ist auch eine Rechtenbacherin: Laura Henke. Die 17-Jährige, die von Geburt an gehörlos ist, war zwölf Jahre alt, als die Dreharbeiten begannen. Sie spielt den „Zögling“ Eleonora Jakobine Lilo, die als neue Schülerin vom Freiherrn aufgenommen wird und für die die Gebärdensprache völlig neu ist. Für Laura ist die Filmpremiere zugleich auch Abschied von der Gehörlosenschule in Bad Camberg. Am 1. Juli ist letzter Schultag. Nach den Sommerferien wird sie nach Essen ins Ruhrgebiet gehen, um an einer Gehörlosenschule das Abitur zu machen.

Der Film spielt im Jahr 1828. Damals kam es zum Konflikt mit einem neuen Schulrat, der die Gebärdensprache für nicht sinnvoll erachtete. Lehrer und Schüler haben die Filmidee selbst umgesetzt. 20 Stunden Material haben sie gedreht, unter anderem in Bad Camberg, im Hessenpark und im Brentanohaus in Oestrich-Winkel. Nicht nur die Schauplätze wurden ausgesucht sondern auch Kostüme, bei denen das Bad Camberger Theater, aber auch Eltern, Verwandte, Bekannte, Kollegen und viele mehr etwas ausliehen oder schneiderten.

Auch die Film- und Aufnahmetechnik musste beschafft werden. Als dann alle Szenen im Kasten waren, wartete der Bild- und Tonschnitt auf die Akteure. Das fünfköpfige Projektteam holte sich den preisgekrönten Kurzfilmregisseur Philipp Batereau (Frankfurt), der den Film bis zum Endschnitt begleitete. Die Mainzer Gruppe „Klangraum“ komponierte die Filmmusik. Das alles kostete nicht nur Mühe, sondern auch viel Geld. Bei der Beschaffung waren die Carls Stiftung in Königstein, der Landeswohlfahrtsverband, das Sozialwerk für Menschen mit Hörschädigungen und die Nassauische Sparkasse behilflich.





Kontakt: Freiherr-von-Schütz-Schule, Frankfurter Str. 15- 19, 65520 Bad Camberg E-Mail: fvss@freiherr-von-schuetz-schule.de.de

Internet http://www.freiherr-von-schuetz-schule.de

19.06.2009