Telefonseelsorger setzen sich mit sexueller Gewalt in Familien auseinander


„Schwere sexuelle Übergriffe sind Seelenmord“. Der Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychotherapie, Psychoanalyse und Leiter des Bereichs Kinderpsychosomatik an der Gießener Unik-Klinik, Prof. Burkhard Brosig, hatte sich kein leichtes Thema vorgenommen. Sein Referat hielt er vor haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern der TelefonSeelsorge. Dieses kirchliche Angebot sei eine Chance für Betroffene Kontakt und Hilfe zu finden.

Wer sexuelle Übergriffe erlebt habe, werde nur schwer im familiären Umfeld davon reden können, so der evangelische Pfarrer Wolfgang Schinkel, einer der beiden Leiter der TelefonSeelsorge Gießen-Wetzlar.

Allerdings müssten die Mitarbeiter sprachfähig werden, um Sexualität am Telefon erörtern zu können. Dazu sollte die Fortbildung mit Prof. Brosig beitragen. Er wies darauf hin, dass sexualisierte Gewalt an Kindern oft eine Folge von Konflikten der Erwachsenen sei. Von Missbrauch bei Kindern mag er nicht sprechen. Darin klinge mit, dass es andererseits einen sexuellen Gebrauch von Kindern geben könne. Brosig, der lange Jahre auch Vorstandsmitglied im Gießener Kinderschutzbund war, sagte, dass ein Drittel der Mädchen und etwa zehn Prozent der Jungen solche Erfahrungen machen. Die Folgen seien vielfach sexuelle Traumatisierung, die sich bis in körperliche Anzeichen wie Juckreiz, Neurodermitis oder Asthma zeigen könnten. Spätfolgen könnten eine tiefe Zerstörung der Persönlichkeit sein, Süchte, Borderlinestörungen, Identitätsprobleme, Schwierigkeiten Sexualität als Lust und Liebe zu erleben. Es komme zu Störungen der Leistungsfähigkeit, der emotionalen und sozialen Kompetenz.

In mehreren Fortbildungsveranstaltungen haben sich die Mitarbeiter der TelefonSeelsorge mit dem Thema Gewalt auseinander gesetzt. Im April vergangenen Jahres ging es in einem Vortrag der Diplom-Sozialarbeiterin Gudrun Wörsdorfer von der Beratungsstelle Frauennotruf Frankfurt um Gewalt in Familien bei Frauen. Im Oktober bei der Jahrestagung der TelefonSeelsorge bildete das Thema „Gewaltfreie Kommunikation“ den Schwerpunkt.

Pro Jahr wird dieses Angebot rund 15.000 mal angewählt. Unter den bundeseinheitlichen Rufnummern 0800 111 0 111 (ev.) und 0800 111 0 222 (kath.) ist sie rund um die Uhr zu erreichen. Der in Gießen beheimatete Dienst ist für über 980.000 Einwohner von Friedberg bis Alsfeld und von Limburg bis Herborn zuständig. Zusätzlich zu dem telefonischen Angebot gibt es auch auf Bundesebene die Möglichkeit im Internet (www.telefonseelsorge.de) für Chat- und Emailberatung. Um die Seelsorge für Menschen in akuter Krise, die kostenlos und anonym geschieht, zu gewährleisten, ist die TelefonSeelsorge auf ehrenamtliche Helfer angewiesen. Rund 60 Mitarbeiter teilen sich derzeit den Dienst.



Kontakt: Telefonseelsorge Gießen-Wetzlar

Internet http://www.telefonseelsorge-giessen-wetzlar.de

04.03.2009